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Musikvereine proben im Homeoffice

Keine Proben, keine Konzerte und lange geplante Events fallen im Rahmen der Coronakrise ins Wasser: Auch in den Musikvereinen und Chören läuft es derzeit nicht wie geplant. Ein Gespräch über kreative Auswege und Perspektiven. 

In St.Vith hatte der Musikverein Eifelklang am Wochenende ein Gala-Konzert zum 220-jährigen Bestehen geplant. Weitere Events in den nächsten Wochen werden ausfallen. Niko Schütz (Präsident Musikverein Eifelklang St.Vith), Julian Pauels (Dirigent MV Hof von Amel und Cäcilia Oudler), Steven Gass (Dirigent MV Laetitia Heppenbach), Daniel Klinkenberg (Präsident Carmina Viva) und Erni Steils (Präsident Fanfare Musica Nova) berichten aus ihren Vereinen.

Wie hat sich Ihr Verein, aber auch Sie persönlich auf die veränderte Situation in der Coronakrise eingestellt? 

D. Klinkenberg: Wir haben viele junge Mütter und Väter im Chor und es darf nicht vergessen werden, dass ein Großteil unserer Mitglieder in mehreren Chören oder Musikvereinen tätig ist. Es war und ist zunächst wichtig, das eigene Leben, die Familie und den Beruf neu zu takten. J. Pauels: Die Proben in den Vereinen ruhen ja komplett, doch wissen die Musiker, dass die geplanten Veranstaltungen trotzdem abgehalten werden, nur halt zu einem anderen Zeitpunkt. Die Musiker wissen, welches Repertoire wir geprobt haben und dass diese Stücke nach der Krise wieder in Angriff genommen werden.S. Gass: Natürlich ruht der Proben- und Spielbetrieb, doch die Kreativität wie mit der Lage umgegangen wird, zeigt ganz neue Facetten in den Vereinen. Hier sind auch wir als Dirigenten gefragt.

Wie sieht es mit Events und Projekten aus? 

N. Schütz: Das Eifelklang-Jubiläumskonzert und die Ehrungen wurden abgesagt. Ein möglicher Nachholtermin wird wahrscheinlich in Kürze mitgeteilt. Auch prüfen wir die Möglichkeit, im November unser themenbezogenes Jahreskonzert beizubehalten, das mit sehr viel Aufwand verbunden ist. Zum einen können wir nicht proben, zum anderen sind auch die Videoaufnahmen nicht möglich. Alle diese Faktoren „lähmen“ den Verein. S. Gass: Die Musikvereine aus Amel und Heppenbach haben ihr für den 9. Mai vorgesehenes Kooperationsprojekt abgesagt und suchen nach einer terminlichen Alternative. Das Projekt wird auf jeden Fall durchgeführt, da es für beide Vereine eine große Bereicherung ist. D. Klinkenberg: Das Jubiläumskonzert von Carmina Viva musste leider abgesagt werden. Wir suchen nach einem neuen Datum im Herbst. Dies hängt aber noch von vielen Faktoren ab, zumal ja auch andere Vereine ähnliche Probleme haben. Terminkollisionen sind dabei kaum zu vermeiden. Zum Glück halten sich die finanziellen Einbußen in Zusammenhang mit der Absage in Grenzen.E. Steils: Auch das Jahreskonzert von Musica Nova wurde natürlich abgesagt. Eine Neuansetzung muss mit den Mitgliedern und dem Dirigenten geprüft werden. 

Wie halten Sie den Laden trotzdem am Laufen?

N. Schütz: Wir haben im Vorstand schon immer sehr gut über eine WhatsApp-Gruppe kommuniziert. Das läuft auch im Moment so, kann aber natürlich eine normale Vorstandsversammlung nicht ersetzen. Bei dringenden Entscheidungen halten wir auch Videokonferenzen ab.D. Klinkenberg: Wir verabreden uns als Vorstand mit dem Dirigenten regelmäßig zu Videokonferenzen, um neue Ideen auszutauschen und zu diskutieren, wie es weitergehen soll. Alles ist von den weiteren Entscheidungen des Nationalen Sicherheitsrates abhängig.

Wie ist die Stimmung bei den Mitgliedern? 

J. Pauels: Natürlich ist es heutzutage leicht, den Kontakt zu halten, sei es über WhatsApp, Skype, Messenger oder andere Dienste. Die Kommunikation bricht also zum Glück nicht ab. Oft gibt es lustige Videos oder Bilder, aber auch Hörproben des aktuellen Repertoires.N. Schütz: Das ist in diesen Tagen wirklich ein Segen für die Kommunikation. So reißt der Kontakt untereinander nicht ab. Im Großen und Ganzen glaube ich, dass die meisten Musiker und ihre Familien die Situation mit Fassung tragen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Erledigen die Musiker und Sänger auch Aufgaben im „Home-Office“?

D. Klinkenberg: Wir haben bereits darüber nachgedacht, eine Probe per Videokonferenz abzuhalten. Wir haben Kontakte zu Chören, die dies praktizieren. Das Problem ist aber, dass in keinem uns bekannten Programm mehrere Stimmen gleichzeitig übertragen werden können.N. Schütz: Der Dirigent hat darum gebeten, regelmäßig zu Hause zu proben. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und postet regelmäßig kleine Videosequenzen seiner Probetätigkeit. Auch einige Musiker haben bereits Videos ihrer persönlichen Probe über WhatsApp verschickt.S. Gass: Jeder sollte im Moment an sich selbst arbeiten. Es darf nicht sein, dass das Instrument über Wochen im Koffer bleibt. Das wäre für die Qualität der Vereine kontraproduktiv. Als Dirigent unterstützen wir die Musiker mit Audiodateien des Repertoires. J. Pauels:Wenn jeder zu Hause individuell arbeitet, gestaltet sich das spätere Zusammenwürfeln der einzelnen Stimmen viel einfacher. Momentan kann man nicht viel mehr machen, als sein eigenes musikalisches Level zu halten oder zu verbessern. Wenn das Instrument gar nicht aus dem Koffer genommen wird, dann fängt der Musiker bei der ersten gemeinsamen Probe bei Null an. 

Wie halten sich die Mitglieder denn musikalisch fit?

E. Steils: Das Repertoire ist bekannt, jeder hat die Partituren, sodass jeder nach seinen Möglichkeiten zu Hause arbeiten kann. Im Moment zählt einfach die Vernunft, sich dieser Krise zu stellen, sie anzunehmen und mit einer gewissen Selbstdisziplin und Solidarität zum Nächsten auch zu meistern. N. Schütz: Wir vertrauen unseren Musikern, die ihre Probearbeit zu Hause am besten einschätzen können. Sollte die Situation noch länger andauern, werden wir uns als Vorstand diesbezüglich etwas einfallen lassen. D. Klinkenberg: Da der Start ins Musikjahr 2020 recht anspruchsvoll war, gehe ich davon aus, dass einige unserer Sänger ein bis zwei Wochen eine Singpause eingelegt haben. Unsere Mitglieder sind erfahren genug, um sich musikalisch fit zu halten. Ich weiß beispielsweise, dass einige auf speziellen Youtube-Kanälen mit namhaften Chören mitsingen. Fürs Singen wird man halt nur durch Singen fit. 

Wie sieht die Zukunft der Chöre und Musikvereine nach der Krise aus? Gibt es Ängste um die Wirtschaftlichkeit?

N. Schütz: Die Zukunft ist schwierig vorauszusehen. Ich gehe davon aus, dass Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sodass auch Sponsorengelder zurückgehen. Durch die Absage von Veranstaltungen fehlen den Vereinen auch wichtige Einnahmen. Für die Musikvereine wird es zukünftig noch wichtiger sein, mit den finanziellen Mitteln zu haushalten. Was die Musikalität angeht, so denke ich, dass 2020 ein schwieriges Jahr wird. Hier wird es eine Herausforderung sein, das musikalische Niveau zu halten. Jeder sollte seinen Beitrag dazu leisten. Wenn die Situation nicht zu lange andauert bin ich zuversichtlich, dass unser Verein die Krise musikalisch und auch finanziell überstehen wird. D. Klinkenberg: Das hängt von der Länge der Zwangspause ab, die sich vielleicht nur wie eine verlängerte Sommerpause anfühlen wird. In der Regel braucht unser Chor gut zwei Wochen nach einer Pause, um wieder „voll dabei“ zu sein. Die Entscheidung der Regierung, die Subventionierung bereits organisierter Konzerte aufrechtzuerhalten, ist in Sachen Wirtschaftlichkeit sicherlich sehr wichtig. Dies verhindert, dass die Chöre in große finanzielle Schwierigkeiten geraten und vor allem auch ein Überangebot an Konzerten nach Corona.E. Steils: Die Einschätzung der Lage ist schwierig. Ich denke aber, dass unsere Musikvereine alle vernünftig haushalten und diese schwierige Zeit meistern. Wir finanzieren uns auch über Sponsoren, ein Bereich der in den letzten Monaten sehr gut ausgebaut wurde. Unsere Mitglieder und Gönner sorgen dafür, dass wir eher gelassen in die Zukunft blicken können.

Was kann man aus Sicht der Musik- und Kulturvereine aus der jetzigen Situation für die Zukunft lernen?

E. Steils: Jeder sollte sich vor Augen führen, dass wir nur bedingt das Leben steuern können. Es ist müßig darüber zu diskutieren, was man mit Geld und materiellen Gütern erreichen kann. Die Krise betrifft alle und das sollten alle bedenken und nie vergessen. Der Leitspruch „Gemeinsam sind wir stark“ war noch nie so zutreffend.J. Pauels: Ich ziehe längst nicht nur negative Aspekte aus der derzeitigen Situation. Zwar muss jeder Abstriche machen und gewisse Sachen für eine Zeit ruhen lassen oder verschieben. Auch wirtschaftlich wird es zu Problemen kommen. Gewinner der Pandemie ist aber unser Ökosystem, das sich langsam erholt. Als Mensch lernt man plötzlich wieder „Selbstverständliches“ wertzuschätzen und sich als Individuum weniger wichtig zu nehmen.D. Klinkenberg: Ich denke, dass das Wichtigste der Zusammenhalt im Chor selbst ist und der Zusammenhalt der Chorlandschaft als Ganzes. Vielleicht gelingt es uns auch entspannter und selbstzufriedener zu leben.N. Schütz: Wie alle, so müssen auch wir die Lehren aus dieser Krise ziehen. Wie können wir besser vorbereitet sein, um auf Anhieb weiter zu funktionieren. Diese Situation hat uns alle überrascht und es waren keine Prozeduren vorgesehen, um weiter arbeiten zu können. Dies sollte zukünftig nicht mehr in dieser Form passieren.

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